Main 2008 - WSV-Rudern

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Fahrtbericht Rudern und Kultur Mainwanderfahrt von Bamberg nach Würzburg Juli 2008
Boxbeutel statt Ruderblätter: Vom Bamberger Reiter zur Marienburg in Würzburg

Es ist Samstag, der 12.07.08, kurz vor 12 Uhr, und ich sitze in einer Kirchenbank im Dom zu Bamberg und lasse die Seele baumeln. Wie bin ich hierher gekommen? Ich habe Ruderbekleidung an und bin in Begleitung von 13 weiteren Frauen und Männern mit gleichem Outfit. Ah ja, der WSV Altwarmbüchen befindet sich auf Ruderwanderfahrt, diesmal unter dem Motto „Rudern und Kultur“. Es liegt eine Woche mit ca. 150 km auf der Regnitz und dem Main zwischen Bamberg und Würzburg vor uns. Die ersten dissonanten Akkorde des samstäglichen Orgelkonzerts reißen mich aus meinen Tagträumen. An den Gesichtern meiner Freunde erkenne ich, dass auch sie mit der Lautstärke und den ganz und gar ungewohnten schrägen Akkorden ihre Probleme haben.

Gestern Abend haben wir uns nach 5stündiger Fahrt auf dem Campingplatz im Bamberger Stadtteil Bug am Ufer der Regnitz getroffen und unseren ersten Eindruck von der fränkischen Küche gewonnen. Der Bootsanhänger mit den beiden Vierern und dem Zweier ist ebenfalls wohlbehalten angekommen. Fleißige Hände haben die drei Boote aufgeriggert, so dass unserem Start heute Morgen um 9 Uhr nichts im Wege stand. Vor zwei Stunden sind wir bei der Bamberger Rudergesellschaft (BRG) angekommen. Dort hat uns eine „charmante, attraktive und kompetente“ Stadtführerin in Empfang genommen und uns in atemberaubend unpraktischen Schuhen an der Faszination Weltkulturerbe Bamberg teilhaben lassen.

Das erste Stück des Orgelkonzerts ist vorbei und alle Zuhörer atmen hörbar auf, als es wesentlich harmonischer und leise weitergeht. Gleich werden wir zu unseren Booten zurückkehren und im schönen Garten der BRG zu Mittag essen. Was hat Bernhard, unser Wanderruderwart und damit Organisator der Fahrt bei der morgendlichen Fahrtbesprechung über den weiteren Tagesablauf gesagt? Um 14 Uhr werden wir die seltene Chance haben, durch die Schleuse Nr. 100 des Ludwigskanals (http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwigskanal) zu schleusen, der die Nordsee mit dem Schwarzen Meer verbindet. Wir können damit den Innenstadtbereich von Bamberg per Ruderboot durchfahren und den schönsten Teil, eine mittelalterlichen Fischersiedlung, die liebevoll „Klein-Venedig“ genannt wird, passieren.

Beim Aussteigen in Bischberg, unserem ersten Tagesziel, nimmt Sigrid ein unfreiwilliges Bad – sie nimmt es mit ihrem unverwüstlichen Humor. Unsere Landung gerät zum Wettlauf mit dem letzten Bus Richtung Bamberg, den wir knapp gewinnen können. Dies ist auch gut so, denn wer denkt, das Tagesprogramm wäre schon zuende, kennt Bernhard schlecht: Um 19 Uhr ist auf der Altenburg, einem der Wahrzeichen von Bamberg, ein nobles Essen vorgesehen. Sein Auto leistet ab Mitte des Berges gute Taxidienste, sonst wäre dieser Termin wegen des steilen Berges nicht pünktlich und unverschwitzt erreichbar gewesen. Thomas wollte ebenfalls weiteres Transpirieren vermeiden und versuchte, die Fenster im 30°C warmen Gastraum zu öffnen, scheiterte aber kläglich an seiner Meinung nach unpraktisch aufgestellten Blumentöpfen.

Am Sonntagmorgen geht’s im Regen mit den Fahrrädern wieder nach Bischberg, von wo aus die erste „richtige“ Etappe nach Hassfurt mit 28 km Rudern und drei Schleusen startet. Kaum sind wir auf dem Wasser und erreichen den Main hört der Regen auf, während in Bamberg laut dem an Land gebliebenen Achim noch den ganzen Tag ergiebig Wasser vom Himmel fällt. Erwähnenswert ist der Defekt des Rollsitzes von Klaus, der ihn für ihn und alle anderen zu ungewohnter Untätigkeit zwingt. Seine Frau Doro steuert mit großer Professionalität trotz des in noch in Altwarmbüchen erlittenen Handbruchs bis zum Naturfreu(n)de(n)haus in Hassfurt. Hier wird mit großer Freude das umfangreiche Essens- und Trinkangebot wahr- genommen, obwohl für Klaudia und Renate der wohl schlechteste Kaffee der Welt ausgeschenkt wird. Zwei Großraumtaxis bringen uns zurück zu unseren Rädern nach Bischberg. Die kurze Tour nach Bamberg macht so großen Hunger, dass beschlossen wird, ins Schlenkerle, einem der für sein Rauchbier weit bekannten Lokale „einzufallen“. Kurze Randbemerkung: Bamberg und seine Gegend haben die höchste Brauereidichte weltweit! Rettich und Schweinshaxe entwickeln sich zu den meist bestellten Abendessen, so dass nach dem Verlassen des Lokals durch die WSV-Truppe sämtliche Vorräte aufgebraucht sind.

Das Frühstück am Montagmorgen ist geprägt durch großes Rätselraten über den Fund eines schwarzen BHs vor Klaus’ und Doros VW-Bus. Bis heute existiert eine offizielle Version, aber es kursieren noch mehrere inoffizielle Varianten... Mit Bus und Bahn geht es nach Hassfurt zu den Booten; die heutige Etappe führt uns bis zum Schweinfurter Ruder-Club Franken. Das letzte Teilstück dieser Strecke weckt bei Bernhard ungeahnte Kräfte. Die Erklärung kommt auf der Terrasse des Zielvereins bei Bier und Kaffee: Hier wurde er „vor vielen Jahren“ Deutscher Jugendmeister im Achter. Unterwegs kreiert Klaudia mit „Vorwärts - Marsch“ ein neues Ruderkommando, an das sich der entsprechende Vierer erst mühsam gewöhnen muss. Die Mittagspause in einem Nebenarm des Mains führt zum Erstaunen über die Menschenleere, das klare Wasser und Muschelfunde; manche fühlen sich an schwedische Seen erinnert. Überhaupt fällt auf, dass fast keine Berufsschifffahrt unterwegs ist: „Es hat schon ganz andere Wanderfahrten gegeben, bei denen es zu wesentlich mehr Verkehr kam“ (Zitat Leo). Die Ruhe und Einsamkeit auf dem Fluss trieb ein Boot dazu, das Kinderspiel mit dem Alphabet zu spielen: Automarken mit A, B, C... Da Frauke, unsere Backwarenwartin, an Bord saß, kamen zwangsläufig Kuchensorten ins Gespräch. Niemand wusste einen Kuchen mit U als Anfangsbuchstaben, was bei Frauke zu stillem Nachdenken, einer schlaflosen Nacht, einer Portion Frust und zu einem Telefonat mit ihrer Mutter führte. Am nächsten Morgen einigte man sich auf „Umgedrehter Apfelkuchen“, den Frauke auch sofort versprach, bei nächster Gelegenheit zu backen. Abends auf dem Heimweg von der Innenstadt zum Campingplatz lernten wir noch den „nettesten“ Busfahrer Deutschlands kennen – ich denke, der harmloseste Kommentar zu seinem Benehmen ist, dass er mit Sicherheit den für ihn falschen Beruf ausübt.

Der Dienstag verlief ohne Rudern - das Standquartier wurde auf einen Campingplatz nach Kitzingen verlegt. Mittags trafen sich alle 14 WSVer bei ‚Superwetter’ zu einer Radtour nach Dettelsbach, einem alten ummauerten Städtchen mit spätgotischem Rathaus. Hier wurde das Angebot eines Eiscafes einer gründlichen Prüfung unterzogen: Der Renner war Riesling-Eis und Zitronen-Buttermilch-Shake. Einige zogen den Test der hiesigen Wurstspezialitäten vor; auf dem Heimweg nach Kitzingen gab es also reichlich Gesprächsstoff. Die Gaststätte „Goldene Gans“ an der Brücke in Kitzingen war dem Ansturm der WSVer nicht gewachsen – es mussten erst Hilfskräfte ins Lokal bestellt werden, so dass die noch für den Abend geplante Preisverleihung erst gegen 22 Uhr stattfand. Jörn wurde für sein T-Shirt-Fahrtenlogo prämiert, das sehr schön die wesentlichen Elemente der Fahrt zusammenfasst: Gekreuzte Ruderskulls mit Bocksbeuteln statt Ruderblättern umrahmt vom Mainverlauf und den Wahrzeichen von Bamberg und Würzburg. Leider kam es zu ersten Ausfallserscheinungen bei Klaus, der die gesamte Ehrung verschlief. Eigentlich hätte Leo noch einen Zusatzpreis für die lustigsten Begriffe verdient. Zwei Beispiele seien genannt: „Temposchlafen“ für das beste Mittel bei kurzen Nächten und „Gehirnschutz“ für Kappe.

Unsere Mittwochsetappe startete mit verschlossenen Türen beim Schweinfurter Ruderverein. Mit vereinten Kräften schafften wir es, neben der verletzten Doro auch Ulla mit ihrem lädierten Knie über das Eingangstor zu heben. Danach konnten wir aufbrechen, um das 28 km Flusskilometer und drei Schleusen entfernte Volkach zu erreichen. Zum Mittagessen haben wir einen schönen Strand gefunden, der Jürgen und Marianne sogar zum Schwimmen animierte. Ein Wespenstich in eine von Klaudias großen Zehen war noch der größte ‚Aufreger’ dieses ruhigen Fahrtabschnitts. Offensichtlich sind wir ein sehr attraktiver Haufen: In Volkach an der Bushaltestelle kamen wir für die Prospekt-Werbeaufnahmen eines Busunternehmens wohl wie bestellt. Der Lohn, zwei Boxbeutel, wurden beim abendlichen Grillen auf dem Campingplatz kreisen gelassen. Die Salatmenge war allerdings so überdimensioniert, dass es „für Millionen“ gereicht hätte.

Nach einer durchregneten Nacht startete der Donnerstag mit Kultur. Taxis fuhren uns zur Wallfahrtskapelle „Maria im Weingarten“ am Stadtrand von Volkach. Renate hielt ein Referat über die Kirche und das 1521 von Tilman Riemenschneider geschaffene Weltkunstwerk „Maria im Rosenkranz“. Die größte Aufmerksamkeit erhielt sie bei ihrem Bericht über den Diebstahl und die Wiederbeschaffung des Kunstwerks in den 60er Jahren sowie bei Riemenschneiders Arbeitsmotto: „Das beste Bildnis mir gelang, wenn ich erst einen Schoppen trank!“. Die Schleuse Gerlachshausen funktionierte leider nicht, so dass hier die Boote umgetragen werden mussten. Dieses bei Wassersportlern nicht besonders beliebte und zeitraubende Manöver wurde schnell vergessen, da mit der 12 km langen Volkacher Mainschleife dem kulturellen der ruderische Höhepunkt dieser Wanderfahrt folgte. Alle waren sich einig, dass dieser landschaftlich schöne Abschnitt viel zu schnell vorbei war. Der Steg des Kitzinger Rudervereins wurde gegen 16 Uhr erreicht. Zuvor erwischte uns der einzige „fette“ Regenschauer dieser Fahrt, der der guten Laune an Bord allerdings keinen Abbruch tat. Abends ging es auf Rädern in den Weinort Sulzfeld, in dem vor rund 50 Jahren die Meterwurst erfunden wurde, in dem von uns gewählten Kellergewölbe-Lokal sogar mit einer thailändischen Note. Glücklicherweise unternahm niemand von uns einen Rekordversuch (der aktuelle Rekord steht bei 5,6 m).

Freitag war wieder ruderfrei, was bei einigen schon zu Entzugserscheinungen führte. Zelte, Wohnwagen und Bootsanhänger wurden zur Würzburger Rudergesellschaft Bayern transferiert und eine neue Lagerburg aufgebaut. Im Gedächtnis bleibt auf jeden Fall der schließwütige Hausmeister mit seiner erblondeten Frau. Auf dem Besuchsprogramm standen die beiden wichtigsten Highlights von Würzburg: (a) Die Residenz, die zu den bedeutendsten architektonischen Schöpfungen des Barock gehört und die im gleichen Atemzug mit Versailles bei Paris und Schönbrunn bei Wien genannt werden darf sowie (b) die Festung Marienberg, deren Anfänge ins achte Jahrhundert zurückgehen und einen tollen Ausblick über Würzburg ermöglicht. Abends ging es wieder über die Dächer von Würzburg, diesmal über 266 Stufen hinauf zum Lokal Schützenhof, in dem sich zwei Ungenannte trauten, Lammlunge zu essen.

Am Samstag stand wieder Rudern im Vordergrund: Von Kitzingen nach Würzburg sind es 34 km gespickt mit vier Schleusen, die bei starkem Wind eine besondere Herausforderung darstellen. Ein besonderer kulinarischer Höhepunkt folgte abends nach einer gemeinsamen Radtour durch Würzburg: In einem Biergarten am Ufer des Mains gab es völlig untypische Currywurst und Pommes, die sofort Rufe nach Blauen Zipfeln laut werden ließen.

Am nächsten Morgen stand die Suche nach Klaus Kulturbeutel im Mittelpunkt. Jörn wollte Klaus schon auf seinem T-Shirt aus dem Fahrtmotto „Rudern und Kultur“ das „und Kultur“ streichen; schließlich fand sich jedoch das gesuchte Utensil wieder. Nach dem Verladen der Boote und dem Abbruch des Zeltlagers ging es noch per Rad in den äußerst sehenswerten Veitshöchheimer Rokokogarten. Bei einem Straßenfest genoss man ein letztes Mal die fränkische Küche, der Fahrtenleiter erklärte die Wanderfahrt endgültig für beendet, und alle fuhren glücklich und voller schöner Eindrücke wieder zurück nach Hannover.

Die Bilanz dieser Fahrt aus einer etwas anderen Sicht: Es gab keinen Schaden an einem der 14 Räder; bei den Booten wurden uns zwei Tampen gestohlen, ein Enterhaken hat sich in einer Schleuse verabschiedet; es gab keinen für die Anderen sichtbaren Streit zwischen Partnern und Teilnehmern; es gab keine Verletzungen außer dem genannten Wespenstich, und es gab keine Weinprobe.

Nachtrag 1: Fraukes ‚Umgedrehter Apfelkuchen’ wurde schon drei Tage nach der Rückkehr gemeinsam im Anschluss an das Abladen und Wiederaufriggern der Boote mit großem Genuss verspeist.
Nachtrag 2: Eine Nachfeier zu dieser Fahrt inklusive umfangreicher Bilddokumentation fand schon bei Marianne und Jörn im Garten statt. Jörn hat für alle köstliche fränkische Spezialitäten gekocht, und Bernhard kam somit endlich zu seiner heiß begehrten gebratenen Blutwurst.

Die beiden Nachträge zeigen deutlich, dass die Fahrt ein voller Erfolg war, besonders die große Kameradschaft und die Rücksichtnahme aufeinander ist erwähnenswert. Ein besonderer Dank geht an unseren Rudergott Bernhard, der wie immer in exzellenter Manier die Fahrt vorbereitet und geleitet hat.

Thomas Wonik


 
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